Unser verrücktester Kunde und die Schlacht von Solferino

Schlacht von Solferino

Solferino ist heute ein malerischer Ort der Lombardei, eingebettet in ein idyllisches Tal unweit von Venedig. Jedoch vor 156 Jahre lag hier der Schauplatz einer vernichtenden Niederlage für das Kaisertum Österreich, bei der der Sardinische Krieg verloren ging und gleichzeitig den Weg zur Einigung Italiens öffnete. Die Schlacht von Solferino ging als die blutigste Schlacht nach Waterloo in die Geschichte ein. 40.000 Soldaten starben im Kampf bzw. an den Folgen der unglaublich schlechten medizinischen Versorgung und den katastrophalen hygienischen Bedingungen. Die Schlacht von Solferino gab den Anstoß zur Gründung des Roten Kreuzes durch Henry Dunant, der zufällig Zeuge der Schlacht wurde und von der mangelnden Versorgung der verletzten Soldaten entsetzt war.

Sie fragen sich sicher: Was hat dieser historische Exkurs im Blog einer digital agierenden Agentur verloren?
Viel, denke ich. Mehr dazu in den folgenden Zeilen.

Vor einigen Jahren betrat ein junger Mann unser Büro in Neusiedl und stellte sich als József Rokob vor. Ruhig, aber bestimmt sprach er mit mir über seine Firma „Oxor“. In den kommenden Stunden lernten wir einander kennen und arbeiteten gemeinsam einen Marketingplan für das junge Unternehmern aus, das sich rasch zu einer Firma mit 30 Mitarbeitern entwickeln sollte, die heute weltweit im Maschinenbau- und Transportsegment tätig ist. In den kommenden Jahren habe ich József Rokob immer mehr als zielstrebigen Manager kennen- und schätzen gelernt.

Irgendwann erzählte er mir von langen Trainings für verschiedene Ironman-Wettbewerbe. Vor zwei Jahren erfolgte sein erster und auch gleich erfolgreich absolvierter Deca- also 10-fach Ironman in Mexiko.

Aber was József Rokob im Herbst 2014 anpackte, war ein unglaublicher Weltrekordversuch: die Teilnahme am 30-fach (!!!) Ironman in Solferino – seiner persönlichen Schlacht von Solferino. Die Strapazen dieses „Triple Deca Ironman“ waren gigantisch. Innerhalb eines Monats mussten die teilnehmenden Athleten dreißig Ironman-Distanzen überwinden. Das heißt in nackten Zahlen: 115,9 Kilometer Schwimmen, 5.407,4 Kilometer Radfahren und 1.265,9 Kilometer Laufen. Jeden Tag nahm jeder Teilnehmer rund 13.000 Kalorien zu sich. Der pure Wahnsinn!

„We are warriors“, rief demnach József Rokob und lief an 30 Tagen die Marathondistanz jeweils unter 4 Stunden. Sein Ironman-Kollege Steve „The Fridge“ – er war kurz zuvor mit einem Kühlschrank auf dem Rücken (Sie lesen richtig) einen Marathon gelaufen – sah sich halluzinierend als Gladiator in der Arena. Kim Kreisen stürzte mit dem Rad und lief anschließend noch ein-einhalb Ironman mit einem gebrochenen Oberschenkelhals.

TripleDecaIronman Italy 2013 József Rokob, unser Kunde, siegte schlussendlich mit 365 Stunden und 33 Minuten – der letzte der weiteren acht Finisher, die allesamt den Weltrekord ebenfalls unterboten hatten, kam mehr als 120 Stunden später im Ziel an.

Warum ich Ihnen das in unserem Firmenblog erzähle?

Weil ich einen der schönsten Berufe der Welt habe. Denn ich darf Marken und Firmen entwickeln und dabei Menschen wie József Rokob kennen lernen. Leute, die mich dabei ständig verändern und mir neue Sichtweisen offerieren. So wie eben József Rokob, der jeden Tag um 5:00 früh aufsteht, weiter schwimmt, radfährt und läuft, trotz blutiger Füße. Der die Option wieder 15 Stunden zu leiden und mit sich selbst zu kämpfen und dabei meditierend auf dem Fahrrad zu sitzen sowie die Schmerzen wegzudenken der verlockenden Aussicht, liegen zu bleiben, vorzieht. Und weswegen? Um ein gestecktes Ziel zu erreichen!

Ich finde, daraus kann man eine große Lehre ziehen. Es ist unsere eigene Entscheidung, ob wir weitermachen, uns ein wenig quälen und Großes leisten. Außerdem mag ich ganz einfach Menschen mit einem gewissen Hang zum Verrücktsein. Ich hab József gefragt, ob ich ihn in meinem Blog als meinen verrücktesten Kunden bezeichnen darf und wir haben über seinen lautes, klares „JA“ beide herzlich gelacht.

Verrücktsein, sich nicht mit normalen Lösungen zufrieden geben, die Komfortzone verlassen, Lösungen suchen, wo andere nur Probleme sehen – das alles sind Eigenschaften, die Visionäre wie Steve Jobs ausgemacht haben. Und ich denke, das kann ich auch aus József Rokobs persönlicher „Schlacht von Solferino“ lernen. Egal, was ich in meinem Leben plane, es liegt in meiner Verantwortung, es mit Leidenschaft und Liebe anzupacken – oder durch Mittelmäßigkeit und fehlendes Engagement zu entwerten. So wie József und seine 7 Kollegen jeden Tag mit neuer Motivation ins das Rennen gestiegen sind, steigen wir täglich in unsere eigenen „Schlachten“ – kämpfen um die Gunst unserer Kunden und um die Aufmerksamkeit der Konsumenten. Nicht immer siegen wir. Aber wenn wir bereit sind, aus den Niederlagen zu lernen und das Scheitern als Chance zur Verbesserung zu sehen, gehen wir gestärkt hervor. Auch das unendliche Leid der historischen Schlacht von Solferino brachte der Menschheit schließlich etwas Großes, das Internationale Rote Kreuz – eine nicht mehr wegzudenkende, weltweit agierende humanitäre Errungenschaft.

Wie sagte József Rokob bei der Abschlussfeier des Triple Deca Ironman: „Wir alle sind Sieger.“

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